Resedagrün, Sonnenblumen in Gold – auf den Spuren von Otto Wagner
Wer Wien verstehen will, sollte Otto Wagner kennen. Seine Architektur prägt die Stadt bis heute – vom Karlsplatz bis Hütteldorf, von der Postsparkasse bis zur Kirche am Steinhof. Wir machen uns auf Spurensuche entlang goldener Ornamente, Jugendstil-Pavillons und eleganten Stadtbahnstationen.
Wenn bei der Station Schönbrunn die Touristen in Scharen Richtung Schloss strömen, bleiben wir noch eine Weile stehen. Nun ist die U-Bahn-Station leer und wir können die Schönheit dieses Baus in aller Stille geniessen. Die Wienerinnen und Wiener haben sich wohl längst an die bezaubernden Bodenmosaike, Geländer und Verzierungen gewöhnt. Für uns ist dieser Anblick Neuland – und von Otto Wagner (1841-1918) hatten wir zuvor schon gar nichts gehört. Dabei ziehen sich die Bauten des bedeutenden Jugendstil-Architekten wie eine Perlenkette durch ganz Wien, besonders entlang der Stadtbahn-Stationen (heute U-Bahn). Rund vierzig Bahnhöfe, fünfzehn Brücken und diverse Gebäude, viele davon sind immer noch erhalten. Und einige davon schauen wir uns jetzt an.

Otto Wagner in Wien – die Pavillons beim Karlsplatz
Gestartet sind wir beim Karlsplatz. Wer hier im Untergrund einfach um- oder aussteigt, wird mitunter gar nicht mitbekommen, welches Juwel sich oberhalb befindet. Otto Wagner errichtete hier zwei identische Pavillons, als Eingang zur östlichen und zur westlichen Linie der Stadtbahn. Derzeit verdeckt eine Baustelle einen Teil der Fassaden, dennoch entfalten die Gebäude noch immer ihren Charme.
Im einen Pavillon ist heute ein Café eingerichtet, im anderen befindet sich ein kleines Museum mit einer Dauerausstellung zum Leben und Schaffen Otto Wagners. Fast wären die Bauten in den 1970er-Jahren abgebrochen worden, weil der Bahnhof zu klein geworden war. Zum Glück kam es nicht dazu. So lassen sich noch heute die goldfarbenen Ornamente mit den Sonnenblumen bestaunen, ein beliebtes Motiv von Wagner. Schön auch, wie die grünen Kupferdächer mit der Kuppel der Karlskirche harmonieren.

Weiter geht unser «Hop on, hop off» auf der U-Bahnlinie 4 zur Kettenbrückengasse, wo wir ein weiteres Gesamtkunstwerk Otto Wagners bewundern. Er hat vom Eingangstor über den Boden, die Geländer bis zu den Ziegelviadukten alles durchkomponiert.
Einheitlicher Stil mit Hang zur Ästhetik
Als der Reichsrat um 1890 herum den Bau der Stadtbahnstationen beschloss, verlangte er «einen einheitlichen Stil mit Hang zur Ästhetik». Umso schöner, dass die typischen gekachelten Fliesenmuster am Boden, die Jugendstil-Verzierungen, die stilisierten Schriftzüge, Handläufe aus Holz, die schrägen Bahnsteigüberdachungen mit den schlanken Säulen und die Sonnenblumenmuster auf den Geländern vielerorts bis heute erhalten geblieben sind.

Und natürlich das Reseda-Grün – oder eben Otto-Wagner-Grün. Doch geht diese Farbe tatsächlich auf Wagner zurück? Bei unserer Recherche erfahren wir: Die heutige RAL-Farbe 6011 stammt gar nicht von ihm. Als 2015 mehrere Stationsgebäude renoviert wurden, stellte man fest, dass die Metallteile ursprünglich hellbeige waren. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg erhielten sie den heute typischen Grünton. Uns gefällt er trotzdem sehr, auch wenn er historisch gesehen gar kein Otto-Wagner-Grün ist.
Wenn wir schon bei der Kettenbrückegasse sind, schauen wir uns an der Linken Wienzeile zwei von Wagners berühmtesten Wohnhäusern an: das farbenfrohe Majolikahaus mit den 13 500 rosa glasierten Fliesen mit Blumenmotiven und das goldene Haus gleich daneben mit seinen Frauenstatuen auf dem Dach und den Goldverzierungen. Dazu steigen wir beim Naschmarkt auf den Dachgarten der neuen Halle „Marktraum“. Von dort hat man einen wunderbaren Blick auf die beiden Häuser.

Wagners Sommersitz in Hütteldorf
Doch Wien hat noch viel mehr Wagner zu bieten. Deshalb fahren wir bis zur Endstation der U4 nach Hütteldorf, nehmen dort den Bus 52A bis zur Wagner Villa, die heute das Museum von Ernst Fuchs beherbergt. Was ist das für ein prächtiger Bau! Wagners einstiger Sommersitz besticht mit seiner monumentalen Freitreppe und der von Säulen dominierten Fassade.

Auch im Innern wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt. Etwa mit den Tiffany-Verglasungen von Adolf Böhm im grossen Saal oder im römischen Bad mit den Mosaiken von Koloman Moser – beide einst Schüler Wagners. Hier traf sich zu Wagners Zeit die Wiener Haute Volée. Und auch später, als Ernst Fuchs die Villa bewohnte, gingen hier illustre Gäste wie Falco oder Placido Domingo ein und aus.
Einerseits könnte man sagen: Ein Frevel, was dieser exzentrische Künstler mit der Villa angestellt hat. Andererseits ist es vielleicht gerade ihm zu verdanken, dass sie noch besteht. Zwar überdeckte Fuchs manche Wände mit Stoffen, damit seine Kunstwerke stärker zur Geltung kamen. Und auch die Möblierung wirkt teilweise etwas gewöhnungsbedürftig. Aber zum Glück blieben die Decken mit den goldfarbenen Malereien ebenso erhalten wie die Tiffany-Verglasungen im grossen Saal.

Auf zur Postsparkasse am Stubenring
Zurück in der Stadt bleiben wir lange vor der Österreichischen Postsparkasse am Stubenring stehen. Das 1902 eröffnete Gebäude gilt als eines der wichtigsten Werke Wagners und als Wegweiser der Moderne. Die Fassade ist mit Marmorplatten verkleidet, deren Aluminiumbolzen wie kleine Rosetten wirken. Auf dem Dach stehen zwei Siegesgöttinnen. Die Halle des einstigen Kassenraums konnten wir leider nicht anschauen, da wir an einem Wochenende unterwegs waren. Heute wird das Gebäude von Teilen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sowie der Universität genutzt (von Mo-Fr von 8-17 Uhr öffentlich zugänglich).

Noch immer irgendwie modern
Gerne hätten wir auch die Kirche am Steinhof der ehemaligen Niederösterreichischen Landes-Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Geisteskranke im Aussenbezirk Penzing besucht. Die goldene Kuppel ist schon von Weitem her sichtbar und erinnert etwas an eine halbe Zitrone, weshalb die Anhöhe bei den Wienern auch als Lemoniberg benannt wird. Wir waren allerdings zu früh im Jahr unterwegs. Die Kirche gilt als eines der Meisterwerke Wagners und gehört zu den bedeutendsten Jugendstil-Sakralbauten Europas, ist jedoch nur vom 1. Mai bis 1. Oktober zugänglich (https://www.wienmuseum.at/otto_wagner_kirche_am_steinhof).
Wer in Wien die Augen offen hält, wird immer wieder auf Bauten von Otto Wagner stossen. Hat man einmal den Blick für seinen Stil, merkt man schnell, wie stark er die Stadt geprägt hat — und wie modern vieles davon bis heute wirkt.
So kommst Du Otto Wagner in Wien auf die Spur
Wer sich auf die Spuren von Otto Wagner machen möchte, startet am besten am Karlsplatz. Von dort fährt die U-Bahnlinie 4 an diversen von Wagner gestalteten Stationen vorbei, etwa an der Kettenbrückengasse, Margaretengürtel oder Schönbrunn. Möchtest du auch die einstige Sommervilla besuchen, fährst Du bis zur Endstation Hütteldorf und nimmst dort den Bus Nr. 52A oder 52B bis Wolfersbergbrücke. Um die Postsparkasse am Stubenring zu besuchen, nimmst Du die U-Bahnlinie 3 bis Stubentor. Und wenn Du die Kirche beim Steinhof auf dem Otto-Wagner-Areal anschauen willst, bringt Dich der Bus Nr. 47A von Unter St. Veit (U-Bahnstation U4) hin.








