Paris ist auch ein Dorf – 10 000 Schritte durch ruhige Ecken im 13. Arrondissement
Unsere 10 000 Schritte führen durch ein überraschendes Stück Pariser Landidylle. Eine Tour du village im 13. Arrondissement: von blumigen Nebengassen über weitläufige Parkanlagen bis hinauf in kopfsteingepflasterte Hügelquartiere.
Zugegeben, das 13. Arrondissement in Paris ist längst nicht so hipp wie Belleville oder Goutte d’Or. Dafür strahlt das einstige Arbeiterviertel eine angenehme Ruhe aus – gemütlich, unaufgeregt und trotzdem voller Überraschungen. Da ist das asiatische Quartier südöstlich der Place d’Italie, die moderne Nationalbibliothek am Seine-Ufer und natürlich jede Menge spektakuläre Street Art. Besonders der Boulevard Vincent Auriol mit seinen Hochhäusern scheint prädestiniert für grossformatige Murals.

Von der Place d’Italie zum Square René Le Gall
Unsere 10 000-Schritte-Tour führt allerdings in eine völlig andere Welt – südwestlich der Place d’Italie. Vom Hotel C.O.Q an der Rue Edouard Manet gehen wir Richtung Westen und erreichen via Avenue des Gobelins zuerst einmal den Square René Le Gall, einem der grösseren Parks von Paris.
Er wird auch Jardin des Goblins genannt und wurde auf der ehemaligen «Affeninsel» errichtet. Der Legende nach feierten die Arbeiter der nahen Teppichmanufaktur in diesem ehemaligen Gemüsegarten ausgelassen, während Gaukler zur Unterhaltung ihre Affen frei herumlaufen liessen.

Ob das auch alles stimmt? Eigentlich nebensächlich. Der Park ist bis heute ein Lieblingsort der Quartierbewohnerinnen und -bewohner. Dies vor allem, weil er nicht nur Blumenrabatten, Wiesen und Wäldchen bietet, sondern auch diverse Spielplätze mit Pingpong-Tischen oder Schaukeln.
Dazu gibt es die sogenannten Gloriettes, eine Art kleiner Kioske. Als wir frühmorgens durch den Parc schlendern, kreuzen wir nur wenige Menschen.

Schon bald mitten in La petite Alsace
Kaum haben wir den Boulevard Auguste Blanqui überquert, wirkt alles erstaunlich dörflich. Von der Rue Barrault biegen wir in die Rue Daviel ab – und stehen plötzlich in einer anderen Ecke Frankreichs. «La petite Alsace» steht hier über den Briefkästen.
Wir hatten schon davon gehört, trauen uns aber nicht so richtig, in diesen privaten Hof einzutreten. Aber weil das Tor gerade offensteht, wagen wir es trotzdem – und staunen: Hier stehen 40 Backstein- und Fachwerkhäuser im elsässischen Stil. Hübsch sieht das aus, und man würde sofort in eines der Häuschen einziehen.

Auf dem weiteren Weg entdecken wir auch in dieser Ecke immer wieder überraschende Street Art: mal auf einer Garagentür, mal auf einem Mauervorsprung, mal über eine ganze Hauswand hinweg.

Blumen und Bäume in der Cité florale
Und noch einmal verändert sich die Szenerie. Je weiter wir von der Rue Barrault Richtung Süden flanieren, desto schmaler werden die Strassen. Plötzlich tragen sie Blumennamen: Rue des Glycines, Rue des Iris, Rue des Liserons, Rue des Orchidées. Ja, wir stehen mitten in der Cité florale. Die Häuser schmiegen sich dicht aneinander, Glyzinien überwuchern die Fassaden, und vor den Türen wachsen Blumen so üppig, als wären sie von einer Fee hingezaubert worden.

So kann Paris also auch! Als dann noch ein alter Deux Chevaux über das Kopfsteinpflaster holpert, ist die französische Bilderbuchidylle perfekt! Vielleicht sollten wir doch noch mal unser Bankkonto überprüfen, entdecken wir doch an einem dieser Häuser ein «A vendre»-Schild vor dem Fenster.
Der Parc Montsouris auf dem einstigen Steinbruch
Nur ein paar Schritte davon entfernt – bereits im 14. Arrondissement – liegt der Parc Montsouris. Von der Cité florale folgen wir der Rue Auguste Lançon und der Rue Liard. Schon stehen wir vor dem Park, mit 15 Hektaren einer der grössten von Paris. Wo heute Spaziergänger flanieren, lagen einst Steinbrüche und sogar ein Friedhof, weshalb vor dem Bau des Parks erst einmal einige hundert Gräber verlegt werden mussten.

Nach zwölf Jahren Bauzeit wurde er 1878 eröffnet. Wie der Parc des Buttes-Chaumont verfügt auch der Parc Montsouris über einen künstlichen Fluss und einen See. Kleine Episode: Am Eröffnungstag soll dieser prompt ausgelaufen sein. Daraufhin soll der zuständige Ingenieur aus Verzweiflung Selbstmord begangen haben.


Julia und Julien, die schwarzen Schwäne
Heute ist der See zum Glück immer noch da – und mit ihm zwei besondere Bewohner: Julia und Julien, zwei schwarze Schwäne! Und da schwimmen sie schon stolz an uns vorbei. Wie man sie auseinanderkennt? Julia trägt einen roten Ring, Julien einen schwarzen. Sie scheinen sich wohlzufühlen in dieser Anlage. Wir übrigens auch.
Die nahe Lage zum Unicampus bringt zwar mit sich, dass zahlreiche Studentinnen und Studenten – meist joggend – unterwegs sind. Aber die stören uns nicht und wir können den Park mit seinem schönen und teils seltenen Baumbestand geniessen. Darunter etwa Seidenbäume, immergrüne Magnolien, Paternosterbäume, Riesenmammutbäume oder farnblättrige Buchen. Neben dem meteorologischen Observatorium entdecken wir die Stele «Mire du Sud», welche den historischen Pariser Meridian markiert. Und selbstverständlich gönnen wir uns in der «Crêperie la Bonbonnière» eine Crêpe.

Hinauf zur Butte-aux-Cailles
Ein Höhepunkt auf unserer Tour fehlt indes noch: die Butte-aux-Cailles! Deshalb gehen wir die Rue Auguste Lançon wieder zurück bis zur Rue de Tolbiac, die wir überqueren. Und schon stehen wir wieder vor kleinen Häusern, die sich entlang ruhiger und verwinkelter Strassen säumen.

Seinen Namen verdankt das Quartier Pierre Caille, dem ersten Besitzer dieses Hügels. Früher war die Butte mit Wiesen, Weinbergen, Wäldern und Windmühlen bedeckt. Dass hier keine Hochhäuser stehen, hat einen einfachen Grund: Unter dem Viertel verlaufen alte Kalksteinbrüche, die eine schwere Bebauung bis heute verhindern.
Auf einen Kaffee ins Café La Butte aux Piafs
Rund um die Place Paul Verlaine vergisst man endgültig, dass man sich in einer Weltmetropole befindet. Kopfsteinpflaster, niedrige Häuser und eine fast dörfliche Stimmung prägen das Quartier. Das spüren wir auch bei den Leuten, die hier gemütlich auf einen Schwatz zusammenstehen oder mit einer wohlriechenden Baguette unter dem Arm an uns vorbeischlendern.
Hier steht auch das historische Schwimmbad Piscine de la Butte-aux-Cailles aus den 1920er-Jahren – das älteste noch in Betrieb stehende Schwimmbad von Paris. Besonders reizvoll ist das ganzjährig auf 28 ° C beheizte Aussenbecken. Wir hatten leider keine Badesachen dabei. Ein Grund mehr, wiederzukommen.

Zum Schluss schlendern wir durch die Rue Butte-aux-Cailles und die Rue des Cinq Diamants zurück Richtung Place d’Italie. Doch ein letzter Zwischenhalt muss sein: im Café La Butte aux Piafs. Das kleine Lokal ist so charmant, dass Amélie de Montmartre auch hier perfekt hinter die Theke passen würde. Gleich nebenan findet auf dem Boulevard Auguste Blanqui der Wochenmarkt statt – ein schöner Schlusspunkt für einen Spaziergang, der zeigt, wie viele Gesichter Paris jenseits seiner grossen Boulevards zu bieten hat.

Slow-Tipp: So kommst Du in die Cité florale und zur Butte-aux-Cailles im 13. Arrondissement
In diesem Text führen uns die 10 000 Schritte durch das 13. Arrondissement in Paris, und zwar in ein absolut dörfliches Ambiente, das man so in Paris nie erwarten würde. Wir kommen vorbei am La petite Alsace, der Cité florale, dem Parc Montsouris und im Viertel Butte-aux-Cailles.
Gestartet sind wir bei der Place d’Italie und kommen auch wieder dorthin zurück. Ab dem Zentrum führen die Metro-Linien 5, 6 oder 7 zur Place d’Italie. Dazwischen kann man sich problemlos ausklinken und mit einem Bus wieder ins Zentrum fahren.



