Servitenviertel Wien – ein Hauch Paris mitten im 9. Bezirk
Im Servitenviertel liegen französische Patisserie, Wiener Kaffeehauskultur und gemütliche Beisln nah beisammen. Klein Paris im 9. Bezirk ist die vielleicht charmanteste Flanier-Oase von ganz Wien.
Vom Servitenviertel im 9. Bezirk (Alsergrund) hatten wir schon einiges gehört. Als Gabi Knöbl von Rebel Tours Vienna in unserem Interview dann so davon schwärmte, war schnell klar: Da müssen wir hin! Also stiegen wir bei unserem letzten Wien-Besuch spontan in die Strassenbahn D und fuhren bis zur Station Schlickgasse.

Servitenviertel Wien: ein Grätzl zum Flanieren und Geniessen
Kaum in die Servitengasse eingebogen, spürten wir tatsächlich das tiefenentspannte Wiener Leben, von dem Gabi so schwärmte. Das dürfte auch damit zu tun haben, dass die Gasse seit Ende 2023 eine Fussgängerzone ist.
Schon an der ersten Ecke lacht uns das «la mercerie» entgehen. Kein Wunder, dass das Servitenviertel oft auch «Klein-Paris» genannt wird. Das liegt ganz offensichtlich nicht nur am Lycée français de Vienne, das in diesem Quartier liegt.

Wer das Restaurant betritt, das zugleich Café und Boulangerie ist, wird staunen. Neben Croissants gibt es Eclairs, Pain aux raisins und Macarons. Das Interieur mit alten Apothekerschränken, schönen Bodenfliesen sowie gemütlichen Holztischen erinnert in der Tat an Paris. Ein kleiner Wehmutstropfen: Wir hatten kein Bargeld dabei und mussten weiterziehen, weil hier tatsächlich nur Cash angenommen wird.
Frischer Duft von Kaffee und Brot
Die Servitengasse bietet aber ohnehin noch vielmehr. Es ist eine wahre Flaniermeile mit wunderbaren Lokalen wie dem Café Porzellan mit internationaler Küche, dem italienischen Restaurant La Pasteria oder dem Tante Liesl mit österreichischer Küche. An der Bäckerei Joseph Brot kann man kaum vorbeigehen, ohne eines der Brote zu kaufen. Nur die Wahl fällt schwer: Soll es heute ein Waldstauden Roggenbrot oder Waldviertler Erdäpfelbrot oder Frischflocken Dinkelbrot sein?

Ein paar Schritte weiter lockt uns der Duft von frischem Kaffee von der Gasse. Im Caffè a Casa stehen wir gleich vor der nächsten Entscheidung: Darf es ein Kaffee aus dem Siebträger, aus dem Filter, aus der French Press oder doch lieber aus dem Vollautomaten sein? Wir entscheiden uns für eine Packung House blend und nehmen so ein Stück Wiener Kaffeegenuss mit nach Hause.
Eine tolle Sache, diese Baumscheiben
Was uns in dieser Gasse ebenfalls auffällt, sind die sogenannten Baumscheiben. Eine tolle Sache! Wer keinen Balkon oder Garten hat, kann in seiner Nachbarschaft eine Baumscheibenpatenschaft übernehmen. «Garteln ums Eck» nennt die Stadt Wien dieses Projekt. Das heisst, man kümmert sich um einen bestimmten Baum oder vielmehr um jenen Bereich, in dem der Strassenbaum wurzelt.
Damit soll das Stadtklima aufgewertet werden. Vor allem aber ist es einfach ein schöner Anblick, durch Wiens Strassen und Gassen zu schlendern und statt öder Baumscheiben blühende Pflanzen zu entdecken.

Für Naschkatzen und Gourmets
Aber zurück zu den Geschäften an der Servitengasse. Wir entdecken noch weitere bezaubernde Läden wie die Xocolat Manufaktur mit der schönen Holzfassade. Definitiv ein Ort für Naschkatzen. Im Angebot sind beispielsweise weisse Schokolade mit Topfenpulver, aromatische Karamell-Schokolade oder milde Edelbitter-Schokolade.

Gleich gegenüber wartet das Delikatessengeschäft König mit Spezialitäten aus Europa auf. Und auch hier ist er wieder da, der französische Einfluss: An der Theke gibt’s Austern aus der Bretagne oder der Normandie und natürlich auch französischen Käse.

Nur ein paar Schritte weiter landen wir im Werkhaus Wagner. Hier kann man sich mit besonderen Wohnaccessoires eindecken: mit Geschirr, Lampen und Dekogegenständen, aber auch mit Taschen.
Ein Stück Wiener Geschichte: die Servitenkirche
Bevor wir auf der Servitengasse weitergehen, treffen wir auf ein wichtiges Stück Wiener Geschichte: die Servitenkirche. Sie gilt als eine der ältesten barocken Wiener Kuppelkirchen und ist auch Namensgeberin des ganzen Grätzls.
Noch ein kleines Geschäft hat uns begeistert, und zwar das Chez Fritz an der Servitengasse 13. Isabella und Arik stellen hier so köstliche Pâtisserie her, dass man gar nicht anders kann, als eine oder zwei oder drei zu kosten. In ihrer kleinen Backstube stellen die beiden möglichst viel selbst her – von kandierten Zitrusschalen bis hin zu Pistazienpraliné. Und das alles zu 100 Prozent vegan.

Bevor wir uns in die weiteren Gassen im Servitenviertel aufmachen, brauchen wir etwas Stärkung. Die finden wir im «Rebhuhn» an der Berggasse 24. Das historische Beisl ist mit seinen über 130 Jahren schon fast eine Institution. Serviert wird nach wie vor klassische österreichische Hausmannskost in gemütlicher Atmosphäre. Die Eierschwammerl à la crème mit Serviettenknödel schmeckten ebenso köstlich wie der Topfenstrudel.
Schönes für Zuhause
Wer ausgesuchte Wohnaccessoires liebt, sollte unbedingt bei Belle & George an der Porzellangasse 9 vorbeischauen. «Wir werden die Welt nicht verändern, aber wir werden alles tun, um sie schöner zu machen» heisst es auf ihrer Website. Und genau das tun Isabelle und George.
Ihre Liebe für schöne Dinge ist bei jedem Gegenstand spürbar, den sie anbieten: etwa bei den Wiener Seifen, den Textilien von Baina, den Lampen von Atelier LAQ oder den handgeschnitzten Brettern von Carballo Estrela. Und schon fühlt man sich wieder irgendwo in Paris.

Besuch bei Sigmund Freud
Genug flaniert! Wenn wir schon so nah an der Berggasse sind, darf ein Besuch bei Sigmund Freud nicht fehlen. Dort, wo der Schöpfer der Psychoanalyse von 1891 bis 1938 praktizierte, befindet sich heute ein Museum. Allerdings bekommt man die berühmte Couch nicht sehen (die steht in London), dafür aber seit dem Umbau von 2020 einige seiner ehemaligen Privaträume.
Dazu gibt es viel Wissenswertes – nicht nur über die Entstehung der Psychoanalyse, sondern auch über die Geschichte des Hauses und die bewegten Schicksale seiner Bewohnenden von 1880 bis heute.

Es überrascht uns nicht, dass das Servitenviertel oft als das schönste Grätzl Wiens bezeichnet wird. Mit der dörflichen Struktur macht es das Flanieren, Shoppen und Verweilen zum Vergnügen. Dabei lohnt es sich, nicht nur in die Schaufenster zu schauen, sondern auch mal den Kopf zu heben. So entdeckt man prachtvolle Jugendstil-Bauten mit Stuck, verspielten Fassadenverzierungen und romantischen Erkern aus der Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende. Und wer hat hier kräftig mitgebaut? Natürlich unser geliebter Otto Wagner! Kein Wunder gehört diese Wohnlage zu den begehrtesten, aber auch zu den eher teureren in Wien. Hier wohnen viele Akademiker und Ärzte, aber auch Kreative und Kulturschaffende.

Wir haben längst noch nicht alles im Servitenviertel gesehen. Da wäre etwa der Gartenpalais Liechtenstein, der barocke Familiensitz einer der reichsten Adelsfamilien Europas. Oder die Kult-Treppe, die Strudlhofstiege! Für die Wienerinnen und Wiener ist sie ein ganz besonderer Ort, dem der Schriftsteller Heimito von Doderer mit seinem grandiosen Roman gleichen Namens ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Das heisst: Wir werden bald wieder kommen und Dir weitere Geschichten aus diesem Grätzl erzählen.
Anreise ins Servitenviertel im 9. Bezirk
Ganz nach der Slow in the City-Philosophie spürst Du das echte, tiefenentspannte Wiener Leben am besten im Servitenviertel im 9. Bezirk. Dieses Grätzl wird oft auch «Klein-Paris» genannt, ist rund um die Servitengasse fast autofrei und bietet mit seinen kleinen Geschäften, Beisln und Schanigärten ein unaufgeregtes, bürgerlich-entspanntes Flair. Es ist ganz einfach aus der Innenstadt zu erreichen und zwar zum Beispiel mit der Strassenbahn D ab dem 1. Bezirk bis zur Station Schlickgasse.





