Wiens öffentliche Personenwaagen: 20 Cent Nostalgie
Für 20 Cent auf die Waage: Warum Wiens öffentliche Personenwaagen bis heute überlebt haben und zu den charmantesten Kuriositäten der Stadt zählen.
Es war vor dem Augarten, wo wir die erste entdeckten. Dann eine entlang der Ringstrasse vor dem Volksgarten, eine weitere vor dem Volkstheater. Und plötzlich hatten wir das Gefühl, dass sie überall in Wien herumstehen: die riesigen öffentlichen Personenwaagen, die wirken, als hätten sie den Anschluss an das digitale Zeitalter verschlafen. Also fragten wir einen Einheimischen, was es mit diesen Relikten aus vergangenen Zeiten auf sich habe. Seine Antwort: ein Schulterzucken. «Keine Ahnung.»
Öffentliche Personenwaagen in Wien – einsam am Strassenrand
Tatsächlich sahen wir nie irgendjemanden auf einer dieser Waagen stehen. Dabei trennen lediglich 20 Cent die Wienerinnen und Wiener – und natürlich auch die Touristen – von der Antwort auf die Frage, wie viel sie inklusive Kleider auf die Waage bringen. Nur, es scheint kaum jemanden zu interessieren. Und so stehen die öffentlichen Personenwaagen meist einsam am Strassenrand und gehören doch zum Stadtbild, auch wenn viele achtlos an ihnen vorbeigehen.

Dank Sisi zum Kultobjekt
Wer die Augen offen hält, findet sie allerdings an fast jeder Ecke. Rund 150 Exemplare sollen noch über das gesamte Stadtgebiet verteilt sein. Besonders viele stehen im 2. Bezirk, in der Leopoldstadt. Ihre Geschichte reicht bis ans Ende des 19. Jahrhunderts zurück – in eine Zeit, als Personenwaagen in Privathaushalten noch eine Seltenheit waren. Bekanntheit wurden sie anlässlich der «Jubiläums-Gewerbe-Ausstellung» 1888 zum 40-Jahr-Thronjubiläum von Kaiser Franz Joseph.
Damals trafen sie den Nerv der Zeit: Körperpflege, Gesundheit und damit auch das Gewicht rückten zunehmend ins öffentliche Bewusstsein. Gut möglich, dass auch Kaiserin Elisabeth, die legendäre Sisi mit ihrem ausgeprägten Schönheitskult, dazu beigetragen hat.

Heute eine touristische Attraktion
Spätestens ab den 1970er-Jahren schwand das Interesse. Wer sein Gewicht wissen wollte, tat dies lieber diskret zu Hause. Und trotzdem verschwanden die Waagen nie aus dem Stadtbild. Keine andere europäische Stadt verfügt heute noch über so viele Personenwaagen im öffentlichen Raum. Mittlerweile sind sie zu einer touristischen Attraktion geworden und längst auch beliebte Selfie-Bilder. Fast so selbstverständlich wie der Steffl gehören sie zu Wien.
Nostalgische Geräte mit einfacher Mechanik
Die massiven Strassenmöbel der Firma Berkel sind in Gold, Rot und Silber anzutreffen. Und sie funktionieren tatsächlich. Verantwortlich dafür ist nicht die Stadt Wien, sondern ein Ehepaar aus dem Burgenland. Karin Popp und ihr Mann Andreas kümmern sich um den reibungslosen Gebrauch der Waagen.

Es stecke eine einfache Mechanik dahinter, erfahren wir in einem Artikel im «Mein Bezirk», weshalb sich die Waagen wohl über die Zeit so gut halten konnten. Sie reparieren die Waagen, wenn sie – meist durch Vandalismus – kaputtgegangen sind. Und natürlich müssen auch die Münzfächer regelmässig geleert werden. Denn tatsächlich werfen noch immer Menschen ihre 20 Cent-Stücke ein, um sich von den nostalgischen Analoggeräten wiegen zu lassen. Reich wird das Ehepaar damit nicht, leben kann es davon aber durchaus.
Charmante Schwergewichte
Wie lange noch, ist offen. Es wäre jedenfalls jammerschade, wenn Wien eines Tages um diese charmanten Schwergewichte ärmer würde. Denn mal ehrlich: Wo sonst bekommt man für 20 Cent noch eine so ehrliche Rückmeldung?


