Hanseatische Materialverwaltung – filmreif im Hamburger Oberhafen

In der Hanseatischen Materialverwaltung Hamburg lagern ausrangierte Bühnenbilder und Filmrequisiten. Hier warten sie auf ihren nächsten Einsatz. Zauberhaft.
Hanseatische Materialverwaltung? Ein derart überbürokratisierter Name lässt Spielraum frei fürs Kopfkino. Stapeln sich hinter einer so beschrifteten Türe im Hamburger Oberhafenquartier vielleicht normierte Schiffsmützen? Oder vorschriftsmässige Ersatz-Quasten für Lotsenmützen?
Hat hier möglicherweise jemand einen Gnadenhof eingerichtet für verbeamtete Buchhalter, die zweimal täglich in vergilbten Rollschuhen von Soll nach Haben fahren?
Hanseatische Materialverwaltung: Abgespielt und parat für den nächsten Auftritt
Könnte alles sein. Und ist alles falsch. Was die Hanseatische Materialverwaltung (HMV) ist: Ein gemeinnütziger Fundus für Requisiten und Bühnenbilder, deren erstes Leben abgelaufen ist.
Hier versammelt sich, was andere längst für ausrangiert hielten: Hochwertige Kulissenteile und Filmrequisiten, Fundstücke, Objekte und Accessoires – die Überreste inszenierter Welten.

Was einst auf grossen Bühnen eine Rolle spielte und bei Spielschluss obsolet wurde, wird im Hamburger Oberhafenquartier seit dem Jahr 2013 gesammelt und sortiert, gut geordnet und recht plakativ zur Schau gestellt.
Hier wird nichts dem Müll überlassen, sondern dem kreativen Geist zugeführt, auf dass er daraus Neues forme. Was hier lagert, ist bereit für den nächsten Auftritt, (film)-reif fürs Comeback.
Discokugeln und Oma-Lampen als Vermiet-Champions
Wer eintritt in den grossen Raum, der früher der Bahn als Güterhalle diente, wird aufs erste Hinsehen vom Fundus fast erschlagen: Zuerst stechen eine riesige Giraffe und ein feuerspeiender Sperrholzdrache ins Auge, aber da ist mehr, viel mehr.
Grosse Tierkostüme lagern neben maritimen Figuren; Nierentische, Oma-Sofas, Wohnzimmerleuchten, Fischernetze und Neon-Reklamen sorgen für Aufsehen.

Stark präsent in dieser kreativen Zauberwelt: eine grosse Zahl an Discokugeln. Letzteres sei kein Zufall, sagt HMV-Sprecherin Vivien Malzfeldt: «Alles was schillert und Disco ist, läuft immer gut.» Oder, in der etwas grösseren Übersicht: «Permanent nachgefragt werden Discokugeln, ganze Wohnzimmer-Sets mit Sofa, Teppich, Beistelltisch und Oma-Lampe.»
Der grundsätzliche Nostalgie-Einschlag sei kein Zufall, sagt die HMV-Sprecherin: «Wir mögen diesen Vintage-Look eben sehr. Kommt dazu, dass etwas ältere Produkte oft einen längeren Lebenszyklus haben als neuere, wir können diese Oldies immer wieder verleihen.»
Über 2000 Dinge lagern in der Hamburger HMV
Über 2000 Objekte – man sagt hier lieber «Dinge» – lagern in diesem Kulissen- und Requisiten-Depot. Oft stammen die Dinge von etablierten Bühnen, und kleinere Player können diese dann kostengünstig ausleihen. Es ist eine Art Kulissenschieberei im politischen Umverteilungs-Modus, erklärt Malzfeldt: «Die Hochkultur spendet und die Subkultur leiht.»
Prominente Spender gibt es viele: «Wir haben einige Dinge erhalten von der Hamburgischen Staatsoper, vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg und vom Hamburger Thalia-Theater», erzählt Malzfeldt, «und kürzlich hat uns Louis Vuitton neun lebensechte Palmen überlassen.» Als prominente Spenderin trat auch schon die Hamburger Kultband Deichkind auf.
Eine fleischfressende Pflanze ist besonders gut verteten
Die ausgepowerten Kulissen und Requisiten kommen aber nicht nur bei kleinen Produktionen zur Auferstehung, sondern haben es auch schon ins Fernsehen geschafft.
Als eine der wenigen professionellen TV-Produktionen leihte sich die NDR-Krimiserie «Tatortreiniger» Dinge bei der Hanseatischen Materialverwaltung aus.

Wer weiss, vielleicht werden im Fernseh-Krimi auch mal die fleischfressenden Pflanzen aus dem Musical «Little Shop of Horrors» zum Auftritt kommen.
Audrey, wie das aggressive Immergrün heisst, gib es in der HMV Hamburg in verschiedenen Grössenordnungen wie XL-Mama, Teenie oder Baby – je nach Umfang zwischen 60 und 10 Euro für zehn Tage mietbar.
Aus der Zeit gefallen. und doch auf der Höhe der Zeit
Die HMV ist eine Schatzkiste. Ein Archiv der Träume. Ein Sehnsuchtsort. Man kann lange verweilen in dieser ladenbaulichen Wundertüte.
Alles, was hier lagert, ist irgendwie aus der Zeit gefallen. Und doch ist die Hanseatische Materialverwaltung auf der Höhe unserer Zeit.

Eine Zeit, die permanent den Kreislauf souffliert: Nichts wegschmeissen. Sondern wertschätzen, was früher erfreute. Altes erhalten. Und daraus Neues schaffen.
Genau das bietet die Hanseatische Materialverwaltung. Und noch mehr: Nostalgie-Upcycling in schön. Alles hier verströmt einen Hauch glorreiche Vergangenheit.
Und ist dabei immer auch ein Vorschuss auf die Zukunft.
Hanseatische Materialverwaltung Hamburg: 3 Slow-Tipps
Spontan stöbern: Wer nach berühmten Kulissen von Kult-Musicals oder anderen prominenten Show-Produktionen sucht, wird hier weniger glücklich als Menschen, die nicht gezielt fahnden – sondern sich von all dem überraschen lassen, was hier lagert. Slow-Style eben.
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Zwei Tage pro Woche: Die Hanseatische Materialverwaltung Hamburg liegt an der Stockmeyerstrasse 41 bis 43 im Hamburger Oberhafenquartier. Dieses Hamburger Original ist fürs breite Publikum jeweils am Dienstag und am Donnerstag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Vom 1. September bis am 7. September 2026 sind Betriebsferien.
Anreise: Ab Hauptbahnhof sind es rund 20 Gehminuten bis zur Hanseatischen Materialverwaltung; der Weg führt über die Deichtorhallen und dann über die Oberhafenbrücke ins Oberhafenquartier. Alternativ kann man per Buslinie 2 bis zur Ericusspitze fahren, wo auch die Zentrale der «Spiegel»-Gruppe steht. Von dort aus sind es etwa zehn Minuten zu Fuss.