Cirque d’Hiver Paris Bouglione – ein Zirkuserlebnis wie anno dazumal
Der Cirque d’Hiver Bouglione ist das letzte Zirkus-Juwel von Paris. Ein magischer Ort, an dem die Zeit stillzustehen scheint.
Das grosse Staunen beginnt schon draussen, noch bevor das Spektakel überhaupt losgeht. An der Rue Amelot 110 im 11. Arrondissement steht das 20-eckige Gebäude mit seinen 41 Metern Durchmesser und der 27,5 Meter hohen Kuppel: dem Cirque d’Hiver Bouglione.
Jede Ecke wird von einer korinthischen Säule verstärkt, die Fassade ist mit Reliefs geziert, die vom Reitwesen erzählen. Der Bau wirkt wie aus der Zeit gefallen – monumental, verspielt, ein wenig theatralisch.

Und das Staunen in diesem historischen Zirkus von Paris geht drinnen gleich weiter: Zirkusdamen in nostalgischen Kostümen begrüssen das Publikum mit Charme und Selbstverständlichkeit. Man nimmt Platz auf hölzernen Tribünen, fast Schulter an Schulter.
Hier knarzt das Holz, hier riecht es nach Geschichte, Zuckerwatte und Popcorn – und für die kommenden zwei Stunden scheint die Zeit tatsächlich stillzustehen.
Cirque d’Hiver Paris Bouglione – Jongleure, Artisten und Seiltänzerinnen
Allerdings nicht in der Manege. Wir besuchen das aktuelle Programm «Tempo», ergattern sogar noch Plätze für die Vorpremiere am Nachmittag. Regina Bouglione verzaubert mit ihren Pferden und Samion Bouglione, der gleichzeitig jongliert und steppt. Wir lachen mit dem ukrainischen Clown Housch ma Housch und fiebern mit, wenn Tyrone Laner seine Messer auf seine Partnerin feuert und die Truppe Empress mit dem Todesrad unterwegs ist.
Kaum hinschauen können wir, als die Akrobatin Sara Nagyhegyi ihre haarsträubende Nummer mittels Haaraufhängung und die Seiltänzerin Asia Perris ihre Akrobatik vorführen. Begleitet wird all das von einem professionellen Live-Orchester.
Kurz: Eine Zirkuswelt, wie man sie heute kaum mehr findet.

Der Höhepunkt folgt, wie es sich gehört, zum Schluss – und zwar mit der Pariser Feuerwehr. Kein Notfall, sondern eine Hommage an Kraft und Disziplin: Die mutigen Männer der Elitetruppe klettern auf spanische Seile und selbsttragende, 5,5 Meter hohe Leitern und zeigen, dass auch sie die Kunst der Akrobatik beherrschen.

Seit 1934 fest in der Hand der Familie Bouglione
Weshalb sich ein Besuch lohnt? Im Cirque d’Hiver Paris Bouglione erlebt man Zirkus à l’ancienne, fast so wie 1934, als Joseph Bouglione den Betrieb übernahm. Inzwischen steht bereits die sechste Generation in der Manege.
Doch die Geschichte des Hauses reicht noch viel weiter zurück: Es war der Zirkusunternehmer Louis Dejean (1797-1879), der neben seinem Cirque d’Été im Jahr 1852 auch einen Cirque d’Hiver eröffnete. Der Bau von Jakob Ignaz Hittorff wurde nach nur acht Monaten Bauzeit durch Napoléon III. eingeweiht und trug zunächst den Namen Cirque Napoléon. Heute ist er nicht nur der letzte von einst 18 stationären Pariser Zirkusbauten, sondern auch einer der ältesten in Europa.

Auch sonst ist diese Adresse bemerkenswert, finden doch neben den Zirkusvorstellungen auch zahlreiche Dressurveranstaltungen oder Modeschauen stattfinden.
Der Cirque d’Hiver gilt als «Tempel des Fliegenden Trapezes». Hier präsentierte 1859 Jules Léotard seinen legendären Seilakt – ein Meilenstein der Zirkusgeschichte. 1956 drehte man den Film «Trapez» mit Tony Curtis hier im Cirque d’Hiver. Es verwundert nicht, dass es für Trapezkünstlerinnen und -künstler bis heute eine grosse Ehre ist, in dieser Manege aufzutreten.

Während draussen das moderne Paris pulsiert, bleibt unter der Kuppel ein Stück Zirkus, das sich dem Tempo der Gegenwart entzieht.
Nach zwei Stunden verlässt man den Cirque d’Hiver Bouglione mit leuchtenden Augen und einem leisen Lächeln – und dem Gefühl, für einen Moment aus der Zeit gefallen zu sein.
Cirque d’Hiver Bouglione, Vorstellungen von September bis Juni
www.cirquedhiver.com
Metrostation: Filles du Calvaire; Busstation: Oberkampf-Filles du Calvaire

