Beim Hohepriester des Risotto Milanese in Mailand

Selbst im quirligen Milano ist ein entspanntes Mittagessen wichtig. Wir nehmen uns die Zeit – und zwar dort, wo der Risotto der Star ist.
Wie muss ein Risotto Milanese schmecken? Zu dieser Frage gibt es viele Antworten. Die kürzeste lautet: So wie im Ristorante Ratanà im Mailänder Viertel Porta Nuova.
Dem Ratanà kommen Touristen zwar oft nahe – aber sie sehen es nicht, weil ihnen etwas anderes den Kopf verdreht. Was das ist? Sagen wir später. Zuerst jetzt zum heutigen Glanzstück, dem Risotto Milanese. Mag der Safranreis nach Mailänder Art für viele nur eine Beilage sein – im Ristorante Ratanà macht er auch als alleiniger Hauptgang bella figura.
Risotto Milanese in Mailand: cremig, sämig, goldgelb
Das Ratanà, eingerichtet in einem ehemalige Eisenbahndepot, ist unter seinem Chefkoch Cesare Battisti ein Lokal, das Klassiker der Lombardischen Küche ehrt und dabei mit Rohstoffen der höchsten Qualität arbeitet.
Dem Risotto Milanese – hier heisst er mit vollem Namen «Risotto alla vecchia Milano, gremolata e sugo d’arrosto» kommt dabei eine spezielle Rolle zu. Immerhin ist der Safranreis ein ewiger Liebling der hiesigen Küche.

Wer den Risotto Milanese (26 Euro) im Ratanà bestellt, erhält das Gericht in einer unverschämt sämig-cremigen, goldgelben Art serviert, verziert mit der grünen Kräuter- und Würzspur der Gremolata und – wie es sein soll – bestückt mit einem Stück Rinderknochenmark.
Ein Traum von einem Reisgericht, perfekt «all’ onda» zubereitet, wie der Italiener sagt, wenn der Reis wellenförmig von Gabel oder Löffel fliesst. Während wir uns Mühe geben, diesem Genuss die gebührliche Zeit zu geben, blicken wir uns etwas um im Lokal.
Beim Pranzo darf das Telefonino auch mal ruhen
Viele der Gäste stammen von den nahegelegenen Büros, aus dem Spargelwald der Hochfinanz, von Beratungsfirmen und Wirtschaftsprüfern. Hier treffen sich die Investmentbankerin und der Rechtsanwalt, der Finanzanalyst und die Immobilienentwicklerin zum «Pranzo lavoro», wie das berufliche Mittagsmahl genannt wird. Da nimmt man sich auch mal etwas Zeit, legt das Telefonino untypischerweise weg.
Das Jugendstilgebäude weist hohe Decken, grosse Fenster und eine Bartheke auf, die aus dem gleichen Candoglia-Marmor stammt, der dem Mailänder Dom seinen Glanz verleiht. Ein klares und stimmiges Konzept, das sagt: Hier zeigt sich das kultiviert-elegante Milano, das Traditionen schätzt und weiter pflegt – ohne dabei in Steifheit zu erstarren. Dank seiner luftigen Fensterfronten, den warmen Farben und Materialien kommt man hier, mitten im geschäftigen Hochhausviertel Milanos, zur Ruhe. Wenn nur diese Musik nicht wäre.
Ein fast schon verboten süsses Trio zum ersten Dessert
La Musica! Nichts, aber wirklich gar nichts gegen Radiohead, Sade und Al Green – aber sollen die Gäste des Mailänder Risotto-Hohepriesters wirklich mit Rock, Pop und Soul der angelsächsischen Machart beschallt werden? Mir würde Lucio Dalla oder meinetwegen Giuseppe Verdi oder notfalls Eros Ramazzotti besser gefallen an diesem Ort, da stimmiger.
Damit wir hier übrigens nicht nur über Risotto Milanese in Mailand sprechen: Im Ratanà kommen unter anderem weitere Klassiker wie Vitello Tonnato, die traditionellen Mailänder Fleischbällchen Mondeghili oder auch Fischgerichte zum Auftritt.

Aber eben, der Risotto alla vecchia Milano gremolata e sugo d’arrosto – nach dem kurzen Musik- und Menu-Exkurs freuen wir uns an der zweiten Hälfte des Mahls, dessen Reis aus der südlichen Lombardei stammt, wie man auf der Landkarte aller Lieferanten und Produzenten des Ratanà ersieht.
Wer jetzt noch mag, greift zu bei einem himmlischen Triumvirat: Mascarpone, Fragole e Sambuco (Mascarpone, Erdbeeren und Holunderblüten) vereinen sich in einem frisch-fruchtigen Schichtdessert zu einem fast schon verboten süssen Trio (14 Euro).
Zum zweiten Dessert gibt’s den grünen Kopf-Verdreher
Schon vor dem Hauptgericht wurde weiter oben das Wort eines touristischen «Kopf-Verdrehers» genannt. Nun denn: Damit sind die beiden begrünten Hochhäuser Bosco Verticale (senkrechter Wald) des italienischen Architekten Stefano Boeri gemeint, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft des Ratanà befinden.
Vorschlag also: Gleich nach Dolci und Espressi raus an die frische Luft, um das famose Fassaden-Forsthaus zu besichtigen.

Ja, selbst mit sehr viel gutem Willen kann man einen Risotto kaum mit waldigen Wolkenkratzern vergleichen.
Aber hier muss es sein. Denn bei beidem, beim ersten Biss in den Risotto Milanese des Ratanà und beim ersten Erblicken des Bosco Verticale, bleibt einem für einen Moment lang die Luft weg.
Slow-Tipp: so kommst Du ins Ratanà
Risotto Milanese in Mailand gefällig? Va bene – aber unbedingt eine Regel beachten.
Die wichtigste Regel gleich zu Beginn: Immer reservieren! Die rund 50 Innen- und die etwa 40 Aussenplätze unseres Restaurant-Tipps Ristorante Ratanà füllen sich meist sehr schnell. Wer mag, nähert sich dem Restaurant vom Bahnhof Milano Centrale her zu Fuss, es sind nur etwa 15 Gehminuten. Per U-Bahn reist man am besten mit der grünen Linie M2 und der lilafarbenen Linie M5zur Metrostation Garibaldi FS. Von dort aus sind es nur noch wenige Gehminuten bis zum Risotto. Adresse: Via Gaetano de Castillia 28.
In unmittelbarer Umgebung des Ristorante Ratanà biete sich der Stadtpark Biblioteca degli Alberi Milano (BAM) für einen kleinen Spaziergang an. Was Fashionistas interessieren dürfte: Nur wenige Gehminuten weiter befindet sich 10 Corso Como, der wohl bekannteste Concept Store von Mailand.