Jetzt mal langsam, Margherita: Wo ist Milano so richtig slow?

Margherita Devalle kennt Milano wie ihre Handtasche. Hier teilt sie ihre Tipps für langsamen Lebenswandel in einer hoch getakteten Stadt.
Margherita Devalle tanzt auf vielen Mailänder Hochzeiten. Da wird es schnell mal hektisch. Doch die Moderatorin, Autorin und Podcast-Gastgeberin schätzt auch die ruhigeren Seiten ihrer Stadt.
Milano hat einen Hang zur Grösse, bei Wolkenkratzern, glitzernden Mode-Inszenierungen und riesigen Design-Festivals. Doch so hyperaktiv und pompös die Stadt auch sein kann: Margherita mag es gern mal klein, echt und gemütlich.
Milano-Insiderin Margherita Devalle liebt leise Töne, die Grosses auslösen
Zum Beispiel beim Besuch eines Nachbarschaftsmarktes. Oder beim Durchatmen in einem Park, den kaum jemand kennt. Und immer gerne, wenn kleine Live-Konzerte Grosses auslösen.
Die quirlige Italienierin, die in Milano auch als «Fatty Furba» bekannt ist, sagt es so: «Manchmal ist der unvergesslichste Auftritt nicht der mit zehntausend Leuten. Es ist der, bei dem ich zusammen mit fünfzig Fremden das Gefühl haben, ein Geheimnis geteilt zu haben.»

Margherita, wo ist das schnelle Milano so richtig slow?
Ich glaube nicht, dass Mailand immer eine schnelle Stadt ist. Die Stadt hat auch eine schüchterne Seite. Die Leute kommen in Milano an und erwarten, dass sich ihnen die Stadt sofort offenbart, wie Rom oder Paris. Mailand tut das nicht. Man muss es sich verdienen.
«Ich mag die Zeit, bevor sich die Bars zum Aperitivo füllen und jeder anfängt, seinen Abend online zu dokumentieren.»
Margherita Devalle, Milano-Insiderin
Die interessantesten Viertel sind die, die nicht angefangen haben, interessant sein zu wollen. Ich liebe es, durch den Stadtteil San Gottardo zu spazieren, wo ich lebe. Die Gegend ist nur wenige Minuten vom Stadtzentrum entfernt und fühlt sich doch wie ein echtes Viertel an, mit kleinen Lebensmittelläden, lokalen Bars und authentischen Restaurants. Ich liebe auch Corvetto, Barona rund um die Fondazione Prada, Teile von Nord di Loretto (NoLo) und Porta Venezia, besonders bevor sich die Bars zum Aperitivo füllen und bevor jeder anfängt, seinen Abend online zu dokumentieren. Das ist der Moment, in dem eine Stadt am ehrlichsten ist.
Samstagmorgen in Mailand: Was machst Du am liebsten?
Samstagmorgen sind heilig. Sie sind reserviert für Hautpflege und Lebensmitteleinkäufe auf dem Mercato di Via Tabacchi im Quartier Porta Venezia. Zuvor starte ich in den Tag mit meinem Lieblings-Cappuccino und Toast im gemütlichen Nachbarschaftstreffpunkt Sonja e Paola im Navigli-Viertel. Dann mache ich mich ohne Ziel auf den Weg und erlaube mir, mich ablenken zu lassen. Vielleicht lande ich in einer Buchhandlung. Vielleicht in meinem Lieblings-Vintage-Laden Sous Vintage Shop an der Strasse Alzaia Naviglio Pavese. Vielleicht in einem Antiquitätenladen. Oder vielleicht verbringe ich zwanzig Minuten damit, die Leute auf dem Markt zu beobachten, ohne etwas zu kaufen. Je älter ich werde, desto mehr denke ich, dass das der wahre Luxus ist.

Marktatmosphäre geniessen – wo gehst Du am liebsten hin?
Ich liebe Flohmärkte, weil sie im Grunde Städte im Miniaturformat sind. Man trifft Sammler, Teenager, Grossmütter, Designer, Einwanderer und Musiker. Alle feilschen um Gegenstände, die jemand anderes einmal geliebt hat. Der Mercato di Viale Papiniano, jeden Donnerstag und Samstag im Stadtquartier Sant’Agostino, nahe bei Navigli, ist nicht nur ein Markt. Es ist Mailand, das ein Gespräch mit sich selbst führt.
In welchem Park kannst Du tief durchatmen?
Ich liebe den Giardino della Guastalla im Quartier Cinque Giornate, weil dort nichts Spektakuläres passiert. Und genau das ist der Punkt. Wir sind so süchtig nach Orten geworden, die uns beeindrucken, dass wir die Schönheit der Orte vergessen haben, die uns einfach atmen lassen. Es ist auch einer der ältesten Gärten Mailands, und seine stille Eleganz schafft es immer wieder, mich zu beruhigen.
Ein richtig guter Ort für Live-Musik?
Musik war schon immer mein Medium, Menschen zu verstehen. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich Live-Musik- und Kulturlokale wie Circolo Arci Bellezza, Santeria Paladini, Santeria Toscana, Blue Note, NAMA und Detune so sehr mag. Ich liebe Konzerte, bei denen man zwischen den Liedern noch das Atmen der Leute hören kann. Manchmal ist der unvergesslichste Auftritt nicht der mit zehntausend Leuten. Es ist der, bei dem fünfzig Fremde das Gefühl haben, ein Geheimnis geteilt zu haben.
Es giesst wie aus Kübeln: Welcher Ort in Milano ist so wunderbar slow, dass er den grauen Tag sofort zum Leuchten bringt?
Regen verändert Mailand komplett. Die meisten Leute rennen nach drinnen. Einige meiner schönsten Erinnerungen entstanden im Regen: lange Mittagessen, Museen, die plötzlich leer wirkten, Cafés, in denen ich stundenlang blieb, weil das Wetter mir die perfekte Ausrede gab, nicht zu gehen.
«Bei Regen würde ich ins kleine unabhängige Kino Noise Cinemino am Stadtkanal Naviglio Pavese gehen.»
Margherita Devalle, Milano-Insiderin
Mailand wird unglaublich filmisch, wenn es regnet. Und nach Tagen der Sommerhitze hofft jeder insgeheim auf ein kleines Gewitter. Wenn ich einen Ort wählen müsste, würde ich ins Noise Cinemino am Stadtkanal Naviglio Pavese gehen, eines der kleinsten unabhängigen Kinos der Stadt, und dort den Nachmittag verbringen.
Eine gute Slow-Adresse für den Aperitivo?
Bei meinem Lieblings-Aperitivo geht es nicht um das Getränk. Es geht darum, das Zeitgefühl zu verlieren. Im Sommer liebe ich den Chiosco Ravizza im Stadtviertel Porta Romana. Wenn Du neu in Mailand bist und Leute kennenlernen willst, sind die Bar Sport in Porta Venezia und die Bicchierino Bar in Giambellino perfekt. Und wenn du die beste Terrasse der Stadt suchst, ist das Il Mirador kaum zu schlagen.
Ah, die famose Dachbar des Hotels 21 House of Stories Navigli! Aber an schönen Sommerabenden kann es dort auch mal eng werden…
…das stimmt natürlich. Doch es gibt auch sehr viel ruhigere Zeiten. Je nach Wetter ist die Rooftop-Bar von Mai bis Oktober geöffnet. Am schönsten finde ich es dort oben zum Aperitivo oder zum ersten Caffè an einem schönen Tag im September oder anfangs Oktober.
Margherita Devalle alias Fatty Furba
Die gebürtige Piemontesin Margherita Devalle wirkt in Milano als Moderatorin und Podcast-Host. Unter dem Kunstnamen Fatty Furba betreibt sie zudem ein multimediales Inspirations- und Musikprojekt mit eigenem Spotify-Kanal.
Reisen spielt für die Stadtindianerin die auch schon in London und Mexico City gelebt hat, ebenfalls eine wichtige Rolle. Im Frühling 2025 ist ihr Buch «Soul of Mailand – einzigartige Erlebnisse» im Jonglez-Verlag Paris erschienen.
Letzte Frage: Wo in Milano gibts ein richtig gutes Cotoletta alla Milanese?
Bei der besten Cotoletta geht es nie nur um die Cotoletta. Es geht um den Kellner, der dort seit Jahrzehnten arbeitet. Das alte Mailänder Paar, das am selben Tisch sitzt, den es wahrscheinlich schon seit Jahren besetzt. Essen ist Erinnerung, Restaurants sind Theater. Meine Favoriten sind die Osteria Conchetta im Navigli-Viertel, Osteria del Nuovo Macello in Calvairate/Porta Vittoria und das Masuelli San Marco, ebenfalls im Viertel Calvairate, wo man auch den meiner Meinung nach besten Risotto alla Milanese findet, dieses herrlich goldgelbe Reisgericht.