Jenseits der Boulevards – Paris mit Seele
10 000 Schritte im 11. Arrondissement
Im 11. Arrondissement findet man einen charismatischen Gegenentwurf zum klassischen Paris – zwischen multikulturellen Strassen und dörflichen Oasen.
Breite Boulevards findet man zwar auch im 11. Arrondissement, aber Top-Sehenswürdigkeiten sucht man vergeblich – und genau das macht den Reiz und Zauber dieses Quartiers zwischen Bastille, Belleville und République aus. Statt Monumenten locken menschliche Begegnungen, junge Designer, lebendige Märkte, kulinarische Mini-Entdeckungen und Strassen, die Geschichten erzählen. Das 11. Arrondissement ist kein Postkarten-Paris – es ist Paris mit Seele.
Unser Spaziergang beginnt bei der Metrostation Saint-Ambroise, wo uns gleich die prächtige Église Saint-Ambroise empfängt. Die neugotische Kirche aus dem 19. Jahrhundert beeindruckt mit ihrem lichtdurchfluteten Innenraum und den reichen Ornamenten. Sie spielte während der Pariser Kommune 1871 eine wichtige Rolle, da beherbergte sie regelmässig einen proletarischen und feministischen Club.
Village Popincourt – jung, kreativ, lebendig
Nur wenige Schritte entfernt tauchen wir ins Village Popincourt ein. Der Name, der modern klingt, aber bis ins Jahr 1400 zurückgeht: Jean de Popincourt, Präsident des Parlaments, gab dem Viertel seinen Namen. Heute ist Popincourt ein lebendiges Viertel mit jungen HandwerkerInnen, Designern, Cafés und Feinkostläden.
Zwischen den Strassen Popincourt, R. Bréguet, Sedaine und de la Roquette findet man alles, was das urbane Herz höherschlagen lässt: köstliche Épiceries, Bäckereien, kleine Manufakturen, Boutiquen und Orte, die nur existieren, weil jemand eine Idee hatte und sie einfach umsetzte.
Einer dieser Orte ist die Bar/Boutique Les mauvais joueurs, ein Paradies für Freunde von Gesellschaftsspielen. Für 5 Euro pro Person und einer Konsumation mindestens alle zwei Stunden kann man hier mit einer riesigen Auswahl an Spielen unlimitiert spielen. «Wir wollten die Menschen wieder zusammen an einen Tisch bringen – statt, dass jeder in sein Smartphone starrt!», erzählt uns Jean, einer der Gründer. Inzwischen gibt es an der gleichen Strasse auch ein Ladengeschäft, wo man die Spiele kaufen kann. Und da ist auch das Kerzengeschäft IOKKO gleich nebenan mit Kerzen, die das Herz verzaubern.
Wer sich einfach treiben lassen möchte, setzt sich in eine der typischen Bars wie dem La Rosalie (Rue Popincourt 42) oder das Pom Pom Coffee (Rue Sedaine 40, sehr beliebt zum Brunchen). Nur frühmorgens und im August, wenn die Parisien in den Ferien weilen, wirkt das Viertel etwas verschlafen. Sonst pulsiert hier das entspannte, neugierige Leben. Die kleinen Läden haben sich zum Village Popincourt organisiert und bieten auf ihrer Website villagepopincourt.paris einen Übersichtsplan – perfekt, um eigene Entdeckungsrunden zu planen.
Zwischen Feinkost und Slow Fashion
Das 11. Arrondissement ist längst ein Hotspot für Slow Fashion, Vintage und nachhaltigen Konsum. Rund um die Rue Sedaine und Rue Popincourt finden Modefans ein kleines Paradies:
- Urban Exchange (66 rue Sedaine)
- Shift dépôt-vente (24b rue Popincourt)
- L’école Buissonnière (51 rue du Chemin Vert)
- Maison Béguin (9 rue Bréguet)
Jede Boutique hat ihre eigene Handschrift – mal verspielt, mal minimalistisch, mal luxuriös-upcycelt.
Kulinarisch präsentiert sich Popincourt ebenso vielfältig: vietnamesisch bei Tonton Banh Mi, mexikanisch bei Gourmandises mexicaines, italienisch im Napoli Caffè oder süss in der Briocherie La Briée. Hier riecht man die Welt auf engstem Raum – ein kulinarisches Mosaik, das sich mit jedem Schritt verändert.
Wo Paris zum Dorf wird
Uns zieht es weiter, wir wollen ein paar dieser grünen Strassen aufsuchen, die man in Paris nicht unbedingt erwarten würde. Vom Place Léon-Blum gelangen wir zum eindrucksvollen Palais de la Femme. Das rosafarbene Gebäude mit den prachtvollen Keramiken und historischen Glasfenstern war von 1641 bis 1904 ein Kloster. Seit 1926 gehört der Heilsarmee, die hier jeden Tag Frauen in Not ein Zuhause bietet – ein stiller Ort der Hoffnung mitten im belebten Viertel.
Dann biegen wir auf die Rue de Charonne ab und plötzlich wirkt Paris wie ein Dorf. Vor dem Au Jardin des Délices leuchten die Früchte in allen Farben, in der Fromagerie Julhès duftet es nach gereiftem Käse. Die Verkäuferin sagt lachend über die Theke: «Appenzeller haben wir heute leider keinen!» Seit über 90 Jahren gibt es den Laden, und er scheint lebendiger denn je.
Daneben locken eine Artisan Boucherie, eine Épicerie fine und eine kleine Chocofiserie, die Schokolade von der Bohne bis zur Tafel herstellt. Wer hier entlanggeht, versteht, warum so viele PariserInnen genau dieses Viertel lieben: Es verbindet urbanen Rhythmus mit jenem dörflichen Gefühl, das man nie erwartet hätte.
Grüne Oasen, vergessene Geschichten
Kurz darauf stehen wir vor einer dieser grünen Strassen, die man in Paris kaum vermuten würde. Von der Rue Léon Frot führt die Passage Alexandrine in eine stille, baumbeschattete Welt voller Pflanzenkübel, Hausfassaden mit Efeu und Bänken, die zum Verweilen einladen. Diese kleinen grünen Rückzugsorte sind über das ganze 11. verstreut – man entdeckt sie oft zufällig, und genau das macht ihren Zauber aus.
Wenige Strassen weiter erinnert ein stiller Ort an ein dunkles Kapitel: An der Ecke Rue de la Roquette/Rue de la Croix-Faubin stand einst die Guillotine des ehemaligen Gefängnisses La Roquette. Heute rollen Autos darüber hinweg – doch die Granitsteine im Boden erzählen eine Geschichte, die nicht vergessen ist.
Kunst, Genuss und Nachhaltigkeit
Zeit für etwas Leichteres: In der Rue Saint-Maur 38 lädt das Atelier des Lumières (www.atelier-lumieres.com) zu einem magischen Kunst-Erlebnis ein. In der ehemaligen Giesserei von 1835 werden Van Goghs Bilder auf Wände und Böden projiziert – man steht mitten in einem leuchtenden Farbenmeer. Danach geniessen wir in der Brasserie Martin ein cremiges Pilzrisotto und eine Saucisse purée.
Gestärkt schlendern wir zur Rue Oberkampf, die heute verkehrsberuhigt ist und zum Flanieren einlädt. Entlang des Boulevards de Belleville erreichen wir das Hotel Babel Belleville – eine nachhaltige Oase für bewusste Reisende. Auf der Terrasse bestellen wir einen Café noisette und lassen das Quartier auf uns wirken. Hier ist alles lokal: das Bier von Les Bières de Belleville, der Kaffee von Fauve, das Gemüse von Zingam.
Ein Park mit Aussicht
Zum Abschluss führt uns der Weg hinauf zum Parc de Belleville. Er ist zwar kleiner und weit weniger bekannt wie der Parc des Buttes-Chaumont (Verlinkung mit Parc des Buttes-Chaumont). Zwischen Street-Art und Kastanienbäumen steigen wir die Rue Ramponeau empor. Oben, beim Point de vue Tour Eiffel, füttert eine elegante Dame die Katzen, wie jeden Tag.
Die Aussicht auf das Wahrzeichen von Paris ist etwas verdeckt durch die Bäume, aber dennoch eindrücklich. Der Park selbst – eröffnet 1988 – ist ein verstecktes Juwel. Auf 45 000 Quadratmetern finden Kinder ein Holzdorf mit Türmchen und Rutschen, Erwachsene Ruhe und Weitblick. Wo einst Wein angebaut wurde, wachsen heute noch 140 Rebstöcke, deren Trauben jeden Herbst geerntet werden.
Fazit: Das 11. Arrondissement – ein Paris, das berührt
Das 11. Arrondissement ist kein glamouröses Paris und auch kein Postkarten-Paris – und genau das macht es so liebenswert. Hier erlebt man ein Paris, das authentisch, kreativ, überraschend, lebendig und wunderbar echt ist.
















